Wirkmechanismus (Pharmakodynamik) von Estriol

Bindungsaffinität von Estriol an den Estrogenrezeptoren

Estriol entfaltet seine Wirkung durch die Bindung an die Estrogenrezeptoren (ER) α und β. ER α findet sich vermehrt in der Vagina, der Gebärmutterschleimhaut, im Brustgewebe und den Eierstöcken. Der  ER β wird primär in Darmschleimhaut, Knochenmark, Gehirn, Nieren, Gefäßendothel sowie im Epithel von Introitus (Scheideneingang), Vulva und den unteren Harnwegen  exprimiert. Estriol gehört zu den schwächer und kürzer wirksamen Estrogenen, wie die Bindungsaffinität zu den Estrogenrezeptoren sowie die Bindungsdauer zeigen. So beträgt die Bindungsaffinität des Estriols nur ca. 14 % von jener des Estradiols am Estrogenrezeptor α und 21 % am Estrogenrezeptor ß (siehe Tabelle unten).  Auch ist die Bindungsdauer am Rezeptor mit 1 bis 4 Stunden im Vergleich zu Estradiol, das eine deutlich längere Bindungszeit an ER aufweist, sehr kurz, weshalb bei einmal täglicher vaginaler Applikation von Estriol keine proliferativen Effekte am Endometrium oder der Brustdrüse zu erwarten sind.

Relative Bindungsaffinität verschiedener Liganden am Estrogenrezeptor α und ß bezogen auf 17,3 Estradiol (= 100%)

Estriol hat einen günstigen Einfluss auf das Vaginalepithel indem es die epitheliale Proliferation stimuliert und die Reifung des Epithels fördert. Atrophische Zellen  reifen aus. Es entstehen mehr Zelllagen, das Scheidenepithel wird dicker. Der Stärkegehalt insbesondere der Oberflächenzellen nimmt zu. Darüber hinaus fördert Estriol die Gefäßversorgung und Durchblutung der Scheidenwand. Die günstige Wirkung von Estriol auf das Scheidenepithel nach täglicher vaginaler Behandlung über 10 bis 21 Tage wurde in vielen histologischen, zytologischen und klinischen Untersuchungen nachgewiesen. Ebenfalls vielfach publiziert und eine Folge der Reifung des Scheidenepithels ist der günstige Einfluß von Estriol auf den Säuregrad (pH) der Scheide und das Wiederauftreten von Döderleinbakterien (Lactobazillen) in der Scheide.

Vaginal appliziertes Estriol in üblichen Tagesdosen ist stoffwechselneutral. Dies gilt für den Lipid- und Kohlenhydratstoffwechsel genauso wie für die Konzentration der Serumproteine und die Synthese von Gerinnungs- und Fibrinolysefaktoren in der Leber. Vaginales Estriol hat in üblichen Tagesdosen und nach dem üblichen Dosierregime angewendet keinen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel.